Während den
letzten beiden Tagen hat es in Chile heftige Proteste und Ausschreitungen gegeben.
Ursache für die Proteste ist die enorme soziale Ungerechtigkeit, die im Land
herrscht. Der Präsident Sebastian Piñera rief den Notzustand aus und übergab
die Kontrolle der Stadt Santiago de Chile an das Militär.
Da in Deutschland
wenig Information zu den Hintergründen dieser Proteste gibt, will ich in diesem
Artikel versuchen zu erklären, was passiert. Das ist nicht so einfach, weil viele
Fake-News und Halbwahrheiten in den sozialen Netzwerken wie Twitter kursieren
und auf der anderen Seite die Fernsehkanäle den ganzen Tag nur über die
Resultate sprechen und wie man die Sicherheit im Land wieder herstellen kann,
aber kaum auf die Ursachen eingehen.
Der Hauptgrund
für die Proteste ist soziale Ungerechtigkeit. Dies sind nur einige der Punkte,
die in den letzten Jahren und Monaten für Wut unter den Bürger gesorgt haben.
- 50%
der Personen mit Anstellung verdienen weniger als $400.000 CLP (~500€) im
Monat. [Link auf Spanisch ] Die 45-Stunden Woche ist Standard in
Chile, aber es gibt auch Jobs in denen die Menschen deutlich länger arbeiten
müssen (z.B. die Wächter des Gebäudes in dem ich arbeite, arbeiten jeden Tag
von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends).
- Informelle
Jobs sind überall zu sehen: Musiker in der Metro und auf der Straße, Verkäufer
von Muffins, Schokolade oder Sandwiches, Akrobaten und Jongleure an den Ampeln
und alte Menschen, die Pflaster für $100 CLP verkaufen, um sich irgendwie den
Lebensunterhalt zu verdienen.
- Das
öffentliche Gesundheitssystem ist eine Katastrophe. Glücklicherweise hatte ich
bisher wenig Kontakt mit Krankenhäusern, aber die Wartezeiten sind unglaublich
lang. Die Wartezimmer (eher Wartesäle) sind oft überfüllt.
- Gleichzeitig ist (gute) Bildung sehr teuer in Chile und viele Studenten müssen sich hoch verschulden, um studieren zu können.Auf der anderen Seite verdienen Politiker im Durchschnitt knapp über $6.000.000 CLP (~ 7500€). Damit hat Chile von allen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OWZE) den höchsten Quotienten zwischen Politikergehalt und BIP pro Kopf (11,8 – das Land auf dem zweiten Platz in diesem Ranking ist übrigens die Türkei mit 6,3, also fast die Hälfte. Deutschlands Wert ist 2,9). Diese Information ist aus dem Jahr 2014 [Link auf Spanisch] aber die soziale Ungerechtigkeit hat hier in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen.
- Gesetze
für die Reichen: Als ans Licht kam, dass viele Superreiche in Chile ihr Geld in
Steuerparadiesen haben, gab es eine Entscheidung, dass diesen vergeben werden
solle („perdonazo“) – und sie ihr Geld nur mit 10% anstatt der üblichen 27%
versteuert werden würde, ganz abgesehen von schlimmeren Strafen. [Link auf Spanisch]. Dies ist nur ein Beispiel von
wahnsinnigen Steuermengen, die die Reichen des Landes nicht zahlten.
- Gleichzeitig
sind in den letzten Monaten immer wieder Politiker durch Kommentare
aufgefallen, die die Wut des Volkes nach sich gezogen haben (Beispiel: ein
Politiker meinte, die Leute würden sich in den Arztpraxen und öffentlichen
Gesundheitszentren treffen, um soziale Kontakte zu pflegen und deshalb seien
sie so überfüllt. Ein anderer schlug den Leuten vor, früher aufzustehen, um die
höheren Preise der Rush-Hour zu umgehen).
Auslöser der
Proteste – oder der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte – war letzten
Endes ein Anstieg der Metro-Kosten (U-Bahn) am Anfang der letzten Woche.
Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr waren die Preise erhoben worden.
Mittlerweile kostet eine Fahrt mit der Metro in Santiago (830 Pesos ~ 1.05 €).
Verglichen mit Deutschland mag das zwar billig erscheinen, man muss es aber in
Relation zu den Löhnen hier in Chile setzen und der Qualität der Reise. In
Santiago werden die Leute zu Rush-Hour-Zeiten zusammengepresst wie Sardinen in
einer Dose. Aber das ist ein anderes Thema.
Nach dem Anstieg
der Kosten riefen zunächst Studenten zu Protesten durch Schwarzfahrten auf. So
sprangen am Anfang kleine Gruppen von Leuten über die Drehkreuze der Metro ohne
zu bezahlen. Im Laufe der Woche fand dieser Protest mehr und mehr Nachahmer und
wurde brutaler. Menschen blockierten die Metro indem sie sich auf die
Bahnsteige setzten und Drehkreuze wurden zerstört. Im Laufe der Woche schloss
die Metro mehrere Stationen und es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei
und Protestanten. Am Freitag eskalierte die Situation, als Metrostationen
angezündet wurden. Der Präsident des Landes Sebastian Piñera rief den
Notzustand aus und übergab die Entscheidungsgewalt an das Militär Chiles. In
der Nacht vom Freitag auf Samstag brannten mehrere Metrostationen, Busse und
sogar Gebäude.
Am Samstag
begannen auch die Regionen Chiles zu protestieren und sich mit den Demostranten
zu solidarisieren. „Cacerolazos“ – Leute die mit Töpfen und Pfannen Lärm machen
waren überall zu hören.
Am Nachmittag trat der Präsident vor die Presse und
verkündete, dass die Erhöhung der Metropreise bis auf weiteres ausgesetzt werde
und man an einem Gesetzentwurf arbeiten werde, um die chilenische Bevölkerung
vor starken Preisanstiegen zu beschützen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag
wurden Ausgangssperren für Santiago, Valparaíso und Concepción verhängt. Wieder
gab es starke Ausschreitungen, Plünderungen von Supermärkten und Läden, sowie
Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten, Polizei und Militär. Diesmal
jedoch im ganzen Land: In Valparaíso wurde eine Metrostation angezündet, in
Coquimbo brannte ein ganzer Supermarkt.
Es bleibt zu
sehen, welche Entscheidungen die Politik treffen und welche Reaktionen dies
hervorrufen wird. Die soziale Ungerechtigkeit ist sicherlich ein extrem
komplexes Problem, das sich nicht von heute auf morgen lösen wird. Dennoch ist
es vonnöten, dass große und deutliche Schritte zur Lösung dieses Problems getan
werden. Chile hat die Zeit der Militärdiktatur, die erst vor dreißig Jahren
endete kaum verarbeitet und die Entscheidungsträger von heute haben wenige
Gründe etwas gegen die Ungerechtigkeit im Lande zu unternehmen. Die vergangenen
beiden Tage haben jedoch gezeigt was passiert, wenn man diesem Thema wenig bis
keine Aufmerksamkeit schenkt.
