Valparaíso

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Sonntag, 20. Oktober 2019

Proteste in Chile


Während den letzten beiden Tagen hat es in Chile heftige Proteste und Ausschreitungen gegeben. Ursache für die Proteste ist die enorme soziale Ungerechtigkeit, die im Land herrscht. Der Präsident Sebastian Piñera rief den Notzustand aus und übergab die Kontrolle der Stadt Santiago de Chile an das Militär.

Da in Deutschland wenig Information zu den Hintergründen dieser Proteste gibt, will ich in diesem Artikel versuchen zu erklären, was passiert. Das ist nicht so einfach, weil viele Fake-News und Halbwahrheiten in den sozialen Netzwerken wie Twitter kursieren und auf der anderen Seite die Fernsehkanäle den ganzen Tag nur über die Resultate sprechen und wie man die Sicherheit im Land wieder herstellen kann, aber kaum auf die Ursachen eingehen.

Der Hauptgrund für die Proteste ist soziale Ungerechtigkeit. Dies sind nur einige der Punkte, die in den letzten Jahren und Monaten für Wut unter den Bürger gesorgt haben.
  • 50% der Personen mit Anstellung verdienen weniger als $400.000 CLP (~500€) im Monat. [Link auf Spanisch ] Die 45-Stunden Woche ist Standard in Chile, aber es gibt auch Jobs in denen die Menschen deutlich länger arbeiten müssen (z.B. die Wächter des Gebäudes in dem ich arbeite, arbeiten jeden Tag von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends).
  • Informelle Jobs sind überall zu sehen: Musiker in der Metro und auf der Straße, Verkäufer von Muffins, Schokolade oder Sandwiches, Akrobaten und Jongleure an den Ampeln und alte Menschen, die Pflaster für $100 CLP verkaufen, um sich irgendwie den Lebensunterhalt zu verdienen.
  • Das öffentliche Gesundheitssystem ist eine Katastrophe. Glücklicherweise hatte ich bisher wenig Kontakt mit Krankenhäusern, aber die Wartezeiten sind unglaublich lang. Die Wartezimmer (eher Wartesäle) sind oft überfüllt.
  • Gleichzeitig ist (gute) Bildung sehr teuer in Chile und viele Studenten müssen sich hoch verschulden, um studieren zu können.Auf der anderen Seite verdienen Politiker im Durchschnitt knapp über $6.000.000 CLP (~ 7500€). Damit hat Chile von allen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OWZE) den höchsten Quotienten zwischen Politikergehalt und BIP pro Kopf (11,8 – das Land auf dem zweiten Platz in diesem Ranking ist übrigens die Türkei mit 6,3, also fast die Hälfte. Deutschlands Wert ist 2,9). Diese Information ist aus dem Jahr 2014 [Link auf Spanisch] aber die soziale Ungerechtigkeit hat hier in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen.
  • Gesetze für die Reichen: Als ans Licht kam, dass viele Superreiche in Chile ihr Geld in Steuerparadiesen haben, gab es eine Entscheidung, dass diesen vergeben werden solle („perdonazo“) – und sie ihr Geld nur mit 10% anstatt der üblichen 27% versteuert werden würde, ganz abgesehen von schlimmeren Strafen. [Link auf Spanisch]. Dies ist nur ein Beispiel von wahnsinnigen Steuermengen, die die Reichen des Landes nicht zahlten.
  • Gleichzeitig sind in den letzten Monaten immer wieder Politiker durch Kommentare aufgefallen, die die Wut des Volkes nach sich gezogen haben (Beispiel: ein Politiker meinte, die Leute würden sich in den Arztpraxen und öffentlichen Gesundheitszentren treffen, um soziale Kontakte zu pflegen und deshalb seien sie so überfüllt. Ein anderer schlug den Leuten vor, früher aufzustehen, um die höheren Preise der Rush-Hour zu umgehen).

Auslöser der Proteste – oder der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte – war letzten Endes ein Anstieg der Metro-Kosten (U-Bahn) am Anfang der letzten Woche. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr waren die Preise erhoben worden. Mittlerweile kostet eine Fahrt mit der Metro in Santiago (830 Pesos ~ 1.05 €). Verglichen mit Deutschland mag das zwar billig erscheinen, man muss es aber in Relation zu den Löhnen hier in Chile setzen und der Qualität der Reise. In Santiago werden die Leute zu Rush-Hour-Zeiten zusammengepresst wie Sardinen in einer Dose. Aber das ist ein anderes Thema.


Nach dem Anstieg der Kosten riefen zunächst Studenten zu Protesten durch Schwarzfahrten auf. So sprangen am Anfang kleine Gruppen von Leuten über die Drehkreuze der Metro ohne zu bezahlen. Im Laufe der Woche fand dieser Protest mehr und mehr Nachahmer und wurde brutaler. Menschen blockierten die Metro indem sie sich auf die Bahnsteige setzten und Drehkreuze wurden zerstört. Im Laufe der Woche schloss die Metro mehrere Stationen und es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Protestanten. Am Freitag eskalierte die Situation, als Metrostationen angezündet wurden. Der Präsident des Landes Sebastian Piñera rief den Notzustand aus und übergab die Entscheidungsgewalt an das Militär Chiles. In der Nacht vom Freitag auf Samstag brannten mehrere Metrostationen, Busse und sogar Gebäude.


Am Samstag begannen auch die Regionen Chiles zu protestieren und sich mit den Demostranten zu solidarisieren. „Cacerolazos“ – Leute die mit Töpfen und Pfannen Lärm machen waren überall zu hören. 


Am Nachmittag trat der Präsident vor die Presse und verkündete, dass die Erhöhung der Metropreise bis auf weiteres ausgesetzt werde und man an einem Gesetzentwurf arbeiten werde, um die chilenische Bevölkerung vor starken Preisanstiegen zu beschützen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurden Ausgangssperren für Santiago, Valparaíso und Concepción verhängt. Wieder gab es starke Ausschreitungen, Plünderungen von Supermärkten und Läden, sowie Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten, Polizei und Militär. Diesmal jedoch im ganzen Land: In Valparaíso wurde eine Metrostation angezündet, in Coquimbo brannte ein ganzer Supermarkt.


Es bleibt zu sehen, welche Entscheidungen die Politik treffen und welche Reaktionen dies hervorrufen wird. Die soziale Ungerechtigkeit ist sicherlich ein extrem komplexes Problem, das sich nicht von heute auf morgen lösen wird. Dennoch ist es vonnöten, dass große und deutliche Schritte zur Lösung dieses Problems getan werden. Chile hat die Zeit der Militärdiktatur, die erst vor dreißig Jahren endete kaum verarbeitet und die Entscheidungsträger von heute haben wenige Gründe etwas gegen die Ungerechtigkeit im Lande zu unternehmen. Die vergangenen beiden Tage haben jedoch gezeigt was passiert, wenn man diesem Thema wenig bis keine Aufmerksamkeit schenkt.

Sonntag, 6. Oktober 2019

Deutsches Abendessen


Nachdem der chilenische Nationalfeiertag hier so groß gefeiert wird, kam beim mittaglichen Mittagessen die Frage auf, ob es in Deutschland auch so etwas wie den „Dieciocho“ gibt. So erzählte ich ein bisschen von der Geschichte und vom Tag der deutschen Einheit. Und wir beschlossen einen Nachmittag lang deutsches Essen zuzubereiten, und gemeinsam zu Abend zu essen.


Gesagt getan, ich setzte ein Menü auf mit sechs Möglichkeiten für vegetarische Hauptgerichte, aus denen die Teilnehmer auswählen konnten. Sie entschieden sich für Flammkuchen. Was hättet ihr gewählt? Oder habt ihr andere Ideen für typisch deutsche Gerichte? Dazu wollten wir Brezen machen und María Paz fand ein farbenfrohes Rezept für einen Deutschland-Kuchen.


Nach einer Absage in letzter Minute trafen sich María Paz und ich am Samstag mit Claudia (auch aus Chile) und Dewa (aus Indien). Zuerst waren die Brezen dran, Clau hatten den Hefeteig schon am Mittag angesetzt, sodass wir direkt mit dem Formen anfangen konnten. Nach einem Bad in Natronwasser und einem Aufenthalt im Ofen, waren wir alle überrascht wie gut es geklappt hatte und machten viele Fotos mit den frischen Brezen.


Als nächstes war der Deutschlandkuchen an der Reihe. Auch hier überraschte mich, wie gut und unkompliziert wir ein erstaunliches Resultat hervorbringen konnten. Der Teig war aus drei Teilen zusammengemischt geworden (wobei wir bei der Farbe schwarz etwas mogelten und das dunkelstmögliche Lila herstellten).


Obendrauf gab es einen Zitronenguss und Ananas, Erdbeeren und Blaubeeren.


Am Ende machten wir noch einen Flammkuchen, der auch gut gelang. Da wir die ganze Zeit immer wieder probierten, waren wir satt und machten erstmal einen Spaziergang am Strand. Als der Hunger wiederkam, machten wir endlich das deutsche Abendessen und alle waren sehr zufrieden. Auch ich freute mich über zwei gut funktionierende Rezepte für mein Rezeptebuch und dass unsere Freunde mit uns den Tag der deutschen Einheit gefeiert hatten.