Valparaíso

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Freitag, 23. Oktober 2020

Der Countdown

Der Countdown läuft! Nach monatelangem Warten sind es jetzt nur noch vier Tage bis unser Flieger nach Deutschland geht. Aufregung, Freude, Melancholie und Ungewissheit sind in einem wilden Knäul verwoben und bestimmen unsere letzten Tage hier. Nach drei Jahren haben sich natürlich Tonnen an Erinnerungen angesammelt und die wiegen zum Glück nichts – im Gegensatz zu all den Sachen, die wir versuchen auf vier Koffer zu verteilen.

Gestern waren wir in Santiago an der deutschen Botschaft und haben das Visum für María Paz abgeholt. Seit wenigen Wochen arbeitet Jakob, den ich im Rahmen des Freiwilligendienstes kennengelernt habe an der Botschaft und es war super, ihn nach ungefähr sieben Jahren mal wieder zu treffen und ein bisschen zu quatschen.

Zudem sind wir seit zwei Wochen nicht mehr in der strengsten Quarantäne-Stufe in Valparaíso, weswegen wir jetzt wieder unter der Woche ohne Genehmigung rausgehen können. Das hat die ganzen To Do’s der letzten Wochen deutlich vereinfacht.

Um die Emotionen auf der Zielgerade etwas zu sortieren, schreibe ich hier stichpunktartig ein paar Dinge auf, die mir durch den Kopf gehen.

Was ich am meisten vermissen werde:

  •           Die Familie von María Paz
  •           Sonnenuntergänge und allgemein den Ausblick über Valparaiso und den Ozean
  •           Reisen durch die wunderschönen Regionen Chiles
  •           Meine Arbeitskollegen und Projekte bei Evalueserve
  •           Unseren Garten und ganz besonders Mews, die Katze
  •          Den Markt und die Möglichkeit gut und günstig frisches Obst aus der Umgebung zu kaufen

Worauf ich mich am meisten freue:

  •           Familie und Freunde wiedersehen
  •           Neue Bekanntschaften, neue Arbeit, neue Stadt
  •           (Am Anfang) Zeit für persönliche Programmierprojekte zu haben
  •           Plätzchen zu backen, wenn es kalt draußen ist
  •           Ein vielfältiges Käsesortiment im Supermarkt

Was alles ungewiss und aufregend ist:

  •           Wie es mit Chile weitergeht: Diesen Sonntag wird in einem Volksentscheid abgestimmt, ob Chile eine neue Verfassung bekommt.
  •           Wie das Masterstudium „Economic Behavior and Governance“ für María Paz startet.
  •           Wann wir nach Kassel ziehen können und wo wir da wohnen werden, das ist natürlich sehr von der Coronavirus-Entwicklung abhängig.
  •           Welche Arbeit ich in den nächsten Monaten bekomme und wann.

Dieser Blog wird dann mal wieder in Winterschlaf gehen, bis wir das nächste Mal nach Chile reisen. Es hat mich immer gefreut, Rückmeldungen nach Blogeinträgen zu bekommen und dient als schöner Speicher von Erinnerungen. 

Donnerstag, 17. September 2020

Die ewige Quarantäne

Seit dem 12. Juni 2020 sind wir in Valparaíso in Quarantäne, mittlerweile über drei Monate. Es passieren wenig überraschend nicht allzu viele berichtenswerte Dinge, weswegen der Blog momentan nicht auf Hochtouren aktualisiert wird. Die Nachbarskatzen unterhalten uns tagtäglich, hier ist zum Beispiel Lily auf den Sprung durchs Fenster.

María Paz und ich konnten die Quarantäne an einem Tag brechen, nämlich letzten Monat als wir einen Sondertermin bei der deutschen Botschaft bekommen hatten. Ihre Mutter Veronica fuhr uns nach Santiago, wo wir alle Dokumente für ihr Visum abgaben. Jetzt warten wir momentan auf eine Rückmeldung, denn das würde bedeuten, dass wir endlich den Flug nach Deutschland buchen können. Das Semester von María Paz beginnt in Kassel Ende Oktober, aber es ist auch möglich, die Vorlesungen online zu verfolgen, deshalb stehen wir nicht zu sehr unter Stress. Ich habe schon mal ein paar Bewerbungen rausgeschickt, um im Raum Kassel hoffentlich etwas mit Datenanalyse oder Statistik zu machen.

Ansonsten kann ich über ein paar Aktivitäten der letzten Wochen sprechen, neue Gewohnheiten, die sich in Coronazeiten entwickelt haben.

Ich habe angefangen bei TidyTuesday mitzumachen, das ist eine Initiative bei der jede Woche ein Datensatz hochgeladen wird, an dem dann alle Teilnehmer arbeiten. Die Ergebnisse können dann bei Twitter hochgeladen werden und man kann von den Ideen und Codes der anderen lernen. Beispiele sind ein Datensatz zu ausgestorbenen Pflanzen weltweit oder die Dialoge aller Folgen der beliebten Serie „Friends“. Zu letzterer habe ich Wordclouds (Wortwolken?) mit den typischen Wörtern für jeden der sechs Hauptcharaktere gemacht.

Am 11. September 1973 fand der Militärputsch in Chile statt. Eine Vereinigung aus Militär und Polizei bombardierte das Regierungsgebäude La Moneda und ermordete den Präsidenten Salvador Allende und viele seiner Gefolgsleute. Rund um den Jahrestag der schlimmen Ereignisse gab es viele Filme zu diesem Thema. Wir schauten den Film „Tengo miedo, Torero“, in dem es um Homosexualität zur Zeiten der Diktatur ging und die dreiteilige Serie „Unsichtbare Helden“. In dieser geht es um den finnischen Botschafter Tapani Botherus, der über 2500 Verfolgten nach dem Putsch half, sich vor dem Militär zu verstecken und das Land zu verlassen.

Ansonsten haben wir den Winter gut überstanden, es kommen mehr und mehr frühlingshafte Tage. Es sprießen die Pflanzen und auch meine Haare sind nach der ganzen Zeit ohne Ausgang ordentlich lang. Zwischenzeitlich hatte ich auch einen ganz stolzen Bart, aber ich musste ihn für ein Bewerbungsgespräch über Zoom stutzen und fange jetzt wieder von vorne an.

Morgen steht der Nationalfeiertag an, dieses Jahr natürlich auch sehr eingeschränkt, aber man kann sich die volksfestartige Stimmung ins Wohnzimmer holen mit Konzerten von bekannten Bands und Künstlern. Außerdem bedeutet das ein langes Wochenende für mich, zudem habe ich mir noch den Monat frei genommen. Und am Ende des Monats steht dann der Abschied von Evalueserve an, damit wir uns für den Abflug vorbereiten können.

Samstag, 25. Juli 2020

Ein besonderes Portrait


Wenn man zum ersten Mal nach Valparaíso kommt und durch die Cerros Concepción und Alegre läuft, sieht man eine große Zahl an großen und kleinen Graffitis. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus und dieses Staunen ist auch beim zweiten, dritten und siebenundzwanzigsten Spaziergang durch die Hügel noch da. Man entdeckt immer etwas Neues.


Aber die beiden „Touristen“-Hügel sind nicht die einzigen, die tolle Kunstwerke beherbergen. So lernten María Paz und ich zum Beispiel bei einer Teilnahme an der „Tour durch die Seite B von Valparaíso“ im Cerro Barón und Lecheros 16 hausgroße Graffitis kennen. Und zum ersten Mal auch ein bisschen zu den Hintergründen der Kunstwerke. Was haben sich die Künstler dabei gedacht, was ist die Geschichte der Werke und der Künstler. Ein Werk hat uns dabei besonders gut gefallen, das von Anis.


Sie ist eine Künstlerin, die in Valparaíso lebt und deren Werke man in der ganzen Stadt bewundern kann. Ihre Bekanntheit geht jedoch weit über die Grenzen der Stadt hinaus, sie hat auf der ganzen Welt ihre Spuren hinterlassen (unter anderem in Berlin). Ihre Werke zeigen starke Frauen, mal als Kriegerinnen, mal als Taucherinnen oder in der Natur sitzend. Die Verbundenheit zur Natur ist ein häufiges Symbol in Anis Werken. Man erkennt die Figuren auch an ihren charakteristischen Augen und der Verwendung bestimmte Farben für die Gesichter.


Auf Instagram sahen wir vor kurzem, dass Anis Portraits zeichnete und Teile der Einkünfte einem wohltätigen Zweck zukommen ließ. Das war eine einmalige Gelegenheit um ein wunderbares Erinnerungsstück an unsere Zeit in Valparaíso zu bekommen. Nach wenigen Tagen hatten wir schon das Portrait im Maileingang und sind sehr glücklich damit.



Wir wünschen uns, dass wir uns langsam in Richtung einer Gesellschaft bewegen, in welcher sich Frauen so stark fühlen können, wie die aus Anis Kunstwerken. Und dass wir Menschen wieder mehr in Einklang mit der Natur leben.

Freitag, 17. Juli 2020

Neue Kamera


María Paz und ich verbringen zurzeit sehr sehr viel Zeit zuhause, di e Quarantäne wird von Woche zu Woche verlängert und auch wenn wir in Chile mittlerweile nicht mehr 5000 neue Fälle täglich haben, sondern „nur noch“ um die 2000-2500, so ist es immer noch zu viel, um an die Normalität zu denken.

Auf der Suche nach neuen Hobbies und inspiriert durch die Vögel, die gegen 17:30 Uhr täglich zu einem lauten Konzert ansetzen, haben wir uns eine Kamera gekauft. Das freut sicher auch die Leser des Blogs, da es potentiell etwas mehr zu lesen gibt, wenn Fotos vorhanden sind und ich nur noch kurze Texte drumherum drapieren muss.


Mews, die treue Hauskatze ist momentan das meistfotografierte Motiv  und muss sich nicht einmal anstrengen, um immer gut auszusehen und unsere Herzen zum Schmelzen zu bringen. Sie schläft viel, denn Model sein strengt ganz schön an.


Da sie ein paar Pfunde zugelegt hat, versuchen wir sie immer zum Spielen anzuregen und beispielsweise den Baum hochzuklettern auf der Jagd nach Blättern.


Am Wochenende nutzen wir unsere Ausgangserlaubnisse zum Einkaufen (zwei pro Woche und Person), um die Eltern von María Paz zu besuchen. Letztes Wochenende war es sogar ziemlich warm und wir aßen Eis auf dem Balkon. Da etwas später schön die Sonne unterging, konnten wir gleich die neue Kamer ausprobieren. Leider können wir bisher nur den Automatik-Modus verwenden, aber María Paz hat den Plan, sich ein bisschen in den manuellen Modus einzuarbeiten.


Die Sonne geht relativ früh unter (so knapp nach 18 Uhr dieser Tage) und dann erstrahlt Valparaíso in der Nacht. Für uns bedeutet das, die knapp 500 Meter nach Hause zu laufen und gemütlich mit Mews einen Film oder eine Serie zu gucken.


Abseits des Kamera-Hypes, gibt es auch andere gute Neuigkeiten: María Paz hat eine Mail von der Uni Kassel bekommen und wir versuchen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um bei Semesterstart in Deutschland zu sein. Leider ist das wirklich unter erschwerten Bedingungen, da trotz Ausgangssperre alle Papiere legalisiert werden und dann nach Santiago zur deutschen Botschaft gebracht werden müssen. Und das dauert dann noch ein paar Wochen oder Monate, bis wir tatsächlich das Visum für María Paz bekommen und hoffentlich gibt es bis dahin wieder (mehr) Flüge Richtung Deutschland. Aber wir arbeiten daran!

Sonntag, 12. Juli 2020

Regen und R


In Valparaíso regnet es eher selten. Die einzigen Monate, in denen man größere Regenmassen erwarten kann sind im Winter: Mai, Juni und Juli. Leider sind in den letzten Jahren die Regenfälle mehr und mehr ausgeblieben. Dieses Jahr können wir uns bisher in dieser Hinsicht nicht beschweren. Es gab mehrere Regentagen in den vergangenen Wochen, zeitweise kam es sogar zu Überschwemmungen in der Hauptstadt Santiago.

Das ist ein guter Aufhänger, um ein bisschen über meine persönlichen Programmierprojekte zu sprechen. Ich habe in letzter Zeit ein bisschen angefangen mit geografischen Daten herumzuspielen. Gegen Anfang des Jahres hatten wir einen Crashkurs über GIS (Geographic Information Systems) und letzten Monat nahm ich an einem Kurs über GIS in R teil. R ist das Programm, mit dem ich hauptsächlich arbeite, um Daten zu analysieren und zu visualisieren.

Mit R kann man kleine Web-Applikationen schreiben, und ich probierte ein bisschen damit und mit Klimadaten von Chile herum. Man kann dort einzelne Punkte oder Gebiete des Landes auswählen und das Klima der letzten zehn Jahre verglichen mit dem 30-jährigen Mittel der Jahre davor betrachten. Hier sieht man zum Beispiel das Fehlen von Niederschlägen in den Wintermonaten in der Zentralregion und im kleinen Süden.


Alternativ kann man auch die Temperatur und Bodenfeuchtigkeit auswählen und wem die Heatmap im vorherigen Bild zu detailliert ist, für den gibt es auch einen Vergleich von zwei Linien. Wer die App ausprobieren will, kann dies gerne hier tun: https://rvdatainsights.shinyapps.io/ChileClimate/.

 
Da das Raster der Messungen in der App relativ breit ist, arbeite ich schon an einer detaillierteren Ansicht der Niederschläge in Chile. Es dauerte für mich als Anfänger relativ lange die Raster auf die Chilekarte zuzuschneiden, aber letztlich hat es doch geklappt (vor allem dank der online verfügbaren Hilfe mit Codebeispielen und Tutorials).


Es ist sicherlich auch interessant die Auswirkungen der ausbleibenden Niederschläge auf unser Leben zu untersuchen. Es gibt einen Datensatz, in dem alle Waldbrände Chiles registriert sind. Leider ist es ein Excel Dokument mit vielen Tabs, die unterschiedliche Formate haben, sodass es ein bisschen Zeit brauchte, um es in ein visualisierbares Format zu bringen. Jetzt ist es aber schon möglich, die Waldbrände pro Region oder pro Monat zu sehen.


Ich dokumentiere all diese Projekte in Github (https://github.com/richardvogg), und dort ist auch der Code für diese und weitere Projekte verfügbar. Wenn ich noch ein bisschen an der Präsentation feile, kann ich das Github-Profil in Zukunft nutzen, um es bei Bewerbungen mitzuschicken, als Art Bewerbungsmappe eines Data Analysts.

Mein neustes Interesse dreht sich um Twitter. Die großen Köpfe der R Community sind alle auf Twitter aktiv und posten interessante Blogartikel, Tutorials oder Meinungen. In einem kleinen Programm, das ich momentan schreibe, kann ich interessanten Themen aus der R Welt folgen, bekomme aber nur die besten Tweets gefiltert geliefert. Da Bilder einen viel mehr zum Klicken einladen, habe ich außerdem die besten Tweets mit Bildern herausgefiltert.


Samstag, 6. Juni 2020

Zeit zuhause


María Paz und ich verbringen momentan viel Zeit zuhause. Jeden Tag werden um die 5000 neuen Fälle von Coronavirus im Land registriert und ein Abflachen der Kurve ist noch nicht in Sicht.

Mews, die Hauskatze ist ganz glücklich, denn so kann sie ihre neugierige Morgentour durch unsere Wohnung verlegen. Und anschließend den Vormittagsschlaf dort abhalten, außerdem den Mittagsschlaf und den Nachmittagsschlaf, bevor sie dann abends erschöpft zu ihren richtigen Eltern zurückkehren kann und die Nacht durchschläft. Sehr inspirierend so ein Katzenleben. Heute war sie auch mit ihrer Lieblingstätigkeit beschäftigt, als sie plötzlich einen Geruch vernahm (der von draußen kam) und neugierig durch die Wohnung tigerte, und alles anschnüffelte. Super süß und flauschig, der neugierige Wurm.


Um die Zeit außerhalb des Hauses möglichst du minimieren bestellen wir viel Delivery. Zum einen ab und zu ein fertig gekochtes Essen wie Sushi oder Kässpätzle, aber auch länger haltbares, wie handgemachte Ravioli mit verschiedenen Füllungen, die wir eingefroren haben oder Kartons mit Obst und Gemüse. Wir mussten spontan Selleriewochen einläuten, da ein phänomenal großer Sellerie in einer Lieferung ankam. Zum Beispiel machte María Paz Pesto mit den Blättern und wir hatten viele große Salate zum Mittagessen.


Und María Paz‘ Kreativität ging noch weiter, sie buk einen Orangen-Karamell-Kuchen in unserer Herz-Backform und er schmeckte vorzüglich. Zum Glück schlief Mews, so dass sie nicht laut miauend ein Stück fordern konnte.


Tagsüber und unter der Woche bin ich im Home Office und ganz normal mit spannenden Projekten beschäftigt, habe ab und zu Meetings und Präsentationen, und zwischendurch Zeit an den Datenanalysen zu arbeiten. Einmal pro Tag nehme ich an einer Aktiven Pause teil, bei der ein Physiotherapeut für alle Interessierten der Firma Bewegungsübungen per Videoanruf durchführt. Und an den Wochenenden besuchen wir die Eltern von María Paz, die ganz in der Nähe wohnen. Sie haben ein Puzzle gekauft, an dem wir immer ein bisschen arbeiten und uns so die Zeit vertreiben.


Auch wenn es momentan endlos erscheint, so gibt es einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Unsere Freunde in Deutschland und Spanien kehren langsam wieder zur Normalität zurück, zumindest was gesellschaftliches Leben betrifft. Und wenn das hier in ein paar Wochen oder Monaten passiert, werden wir auch wieder unsere Pläne aufnehmen, nach Deutschland zurückzukehren.

Samstag, 25. April 2020

Schöne Fußballerinnerungen


In diesen Tagen ist Fußballspielen leider keine Option, aber man kann ja immer noch in den Tonnen an Erinnerungen schwelgen, an denen wir Woche für Woche in der Vergangenheit gearbeitet haben. Auf Facebook ist momentan eine Challenge im Umlauf, in der man seine Freunde dazu nominieren kann, Fußballerinnerungen zu posten. Dazu wurde ich von Jakob, dem besten Flankengeber, Freistoßkünstler und Freisportpartner, nominiert, habe aber beschlossen die Fotos nicht im Rahmen der Challenge auf Facebook zu posten (da ich selbst viel mit Daten arbeite, fühle ich mich nicht so wohl, zu einer Datenbank mit Bildern, die alle das Label „Fußball“ haben für Facebook beizutragen). Weil ich die Idee trotzdem richtig cool finde, und auch viele Erinnerungen mit dem runden Leder habe, will ich in diesem Blogeintrag fünf meiner schönsten Fußballmomente teilen.

Die gute alte Freisportanlage: Dieses Bild steht stellvertretend für tausende von Stunden von richtig guten Spielen, Mini-WM, Technik oder einfach nur aufs Tor bolzen oder zwörbeln. Müdigkeit gab es eigentlich nie, und es war nicht unüblich nach intensiven Spielen am Morgen nach dem Mittagessen wieder den ganzen Nachmittag dort zu verbringen. Da damals Smartphones noch kein ständiger Bestandteil unseres Lebens waren, gibt es sehr wenige Fotos von dieser Zeit.


Fußball ist eine Sprache, die auf der ganzen Welt gesprochen wird und Menschen verbindet. Das habe ich nicht nur während meines Freiwilligendienstes in Peru gelernt. Selbst in den hinterlegendsten Ecken der Anden gibt es Fußballplätze und wenn man sich an die Höhenluft gewöhnt, kann man auch hier Tore erzielen und Fußballfeste feiern. Das Foto stammt von einem Fußballspiel, bei dem ich nicht selbst gespielt habe, sondern das ich zwischen den Schülern meiner Schule und des Kinderdorfs organisiert hatte. Wer das Spiel in ganzer Länge nachlesen möchte, dem empfehle ich diesen sehr alten Blogartikel: Link.


Eines der emotionalsten Fußballspiele, das ich je gespielt habe war das Relegationsspiel 2014 mit dem SV Veitshöchheim gegen Teilheim, bei dem es um den Aufstieg ging. Vor großer Kulisse lieferten wir einen Kampf, der uns bis in die Verlängerung führte und standen nach 120 Minuten als Sieger da. Dann gab es kein Halten mehr und die Fans, die uns über das ganze Spiel lautstark unterstützt hatten stürmten den Platz.


Dass manchmal nur Zentimeter zwischen Feiern und Trauern liegen, musste ich in diesem Spiel schmerzhaft lernen. Wir lagen 2:1 gegen Retzstadt hinten und brauchten dringend Punkte gegen den Klassenerhalt. Kurz vor Schluss wurde ich herrlich von Dino freigespielt und hob den Ball mit dem linken Fuß über den herauslaufenden Torhüter. Leider konnte der Verteidiger das Tor gerade noch so in einer artistischen Situation verhindern.



Abschiede sind immer traurig, jedoch wird mir der Abschied vom ASV Waldleiningen – wie auch die gesamten 4 Jahre die ich bei dem Verein während meines Studiums verbracht habe – in allerbester Erinnerung bleiben. Das letzte Spiel vor meiner Abreise nach Chile führte uns zum Aufstiegsfavoriten Wiesenthalerhof. Nach ca. 20 Minuten köpfte Max den Ball in meinen Lauf und ich überwand den Torhüter zum 1:0. Wir verteidigten die restlichen Minuten mit Glück und Geschick und konnten so drei wichtige Punkte einfahren und fröhlich meinen Abschied feiern. Nach Siegesgesang, Pizza und Bier gab es dann noch Zeit für viele lustige Abschiedsfotos.



Tore, Siege, tolle Spielzüge, Situationen die einen Jahre später noch ärgern, Feiern mit den Fans und mit der Mannschaft, aufmunternde Worte nach Niederlagen, das sind die Elemente, die den Fußball für mich einzigartig machen. Aber es gibt eines was noch wichtiger ist, und das sind all die riesigen Persönlichkeiten der Mitspieler und Trainer die ich hatte, sei es beim Bolzen auf der Frei, beim SV Veitshöchheim in Jugend und Aktive, in Peru, beim ASV Waldleiningen oder jetzt in Chile.

Eine besondere Hochzeit


Als María Paz und ich uns vor gut fünfeinhalb Jahren während meines Austauschsemesters kennenlernten (so ziemlich zu der Zeit als dieser Blog ins Leben gerufen wurde) ahnten wir noch nicht, dass diese Beziehung wachsen und wachsen und am 3. April 2020 in einer waschechten Hochzeit münden würde. Wow!


Natürlich war es eine Hochzeit unter erschwerten Umständen, da der Coronavirus jegliche Feierlichkeiten, die echte Menschen involvieren, unmöglich machte. Auch die Hochzeit auf dem Standesamt hing einige Zeit lang am seidenen Faden und so ließen wir das Datum vorsichtshalber nicht in die Ringe eingravieren. Letztlich blieb es aber bei dem ausgemachten Termin und so standen wir am 3. April um 10.20 Uhr mit unseren beiden Trauzeugen Francisca und Javier vor dem Registro Civil in Valparaíso und warteten auf den Einlass.

Uns wurde gesagt, dass wir etwas früher kommen sollten, da wir vor der Trauung ein Interview / einen Test haben würden. Dies ist für den Fall, dass einer der Ehepartner Ausländer ist und wohl in gewisser Weise sichergestellt werden soll, dass die Hochzeit wirklich aus Liebe passiert. Nach einer Stunde Wartezeit auf der Straße hatte ich die Vermutung, dass  der Test einfach darin bestand, ob man die hier häufig üblichen Wartezeiten bei Terminen entspannt akzeptieren könne. In diesem Fall bestanden wir.


Nach über 1,5 Stunden waren wir schließlich dran und dann ging es fix. Die Ausweise wurden vorgelegt, einige Papiere unterschrieben und dann in einem anderen Raum (aber die gleiche Beamtin) die Trauung vollzogen, sowie Küsse und Ringe ausgetauscht. Es ist schwer, diesen Moment in Worte zu fassen, wir beide waren sehr glücklich, was man ein bisschen am strahlenden Lachen auf unseren Fotos sehen kann.  


Anschließend wollten wir noch ein typisches Valparaíso-Foto, da es im Rathaus doch etwas öde aussah. So liefen wir ein bisschen die Straße hinter dem Rathaus nach oben, bis wir zu den ersten Graffitis kamen. Wir luden die Eltern von María Paz zu uns nach Hause ein und bestellten mexikanisches Essen, das mit Sicherheitsabstand eingenommen wurde. Am Nachmittag hatten wir viele Videoanrufe und Anrufe mit Familie und Freunden. So konnten wir die Hochzeitsfreude trotz der aktuellen Situation mit vielen Leuten teilen und Glückwünsche einheimsen.


Freitag, 24. April 2020

Coronavirus


Die Situation in Chile

Der erste Fall von Coronavirus in Chile wurde am 3. März bekannt, zu dieser Zeit hatte Deutschland schon an die 200 Fälle. Erst zwei Wochen später begann ich langsam, das Problem wahr- und ernst zu nehmen, vor allem wegen der Berichte, die ich über meine Eltern aus Deutschland hörte. Aber es war zu dieser Zeit noch sehr komisch, Leuten den Handschlag zu verweigern – es war eher als ein Scherz gesehen, wenn man zum Gruß mit dem Fuß oder mit der Faust (kein Faustschlag natürlich) ansetzte.

Die Regierung reagierte verhältnismäßig schnell, vermutlich, da die Berichte aus Italien und Spanien zu dieser Zeit ziemlich schockierend waren. Coronavirus war schnell das Gesprächsthema Nummer 1. Jeden Tag trat der Gesundheitsminister Mañalich vor die Presse und  verkündete die neuen Zahlen, jeden Tag wurde über Folgen von Entscheidungen diskutiert und über Fälle von Leuten, die den Coronavirus nicht ernst nahmen und viele andere Leute ansteckten.

Eine große Sorge war das öffentliche Gesundheitssystem Chiles, das schon zu normalen Zeiten häufig überlastet ist. Öffentliche Krankenhäuser wie das Carlos Van Buren in Valparaíso haben riesige Wartesäle, die gut gefüllt bis überfüllt sind und die Wartelisten für Operationen sind auch endlos. Nun sind schon 7 Wochen vergangen  und die Anzahl an Infektionen steigen jeden Tag. Allerdings – und das ist die gute Nachricht – nicht exponentiell, sondern eher linear. Momentan kommen jeden Tag zwischen 300-500 neue Fälle hinzu. Die Anzahl der Todesfälle ist auch – verglichen mit anderen Ländern – sehr niedrig. Deshalb ist momentan die Diskussion, ob man die Schulen wieder eröffnen soll (in meinen Augen eine wahnwitzige Idee) und auch Malls und sonstige Geschäfte wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen soll. Natürlich ist es eine schwierige Entscheidung, da man wirtschaftliche Interessen (auch in Chile wurden schon eine  große Menge an Arbeitern entlassen) und gesundheitliche Faktoren (die Kurve flach zu halten) abwägen muss. Da die Regierung aber hauptsächlich aus Wirtschaftspersonen besteht, besteht die Befürchtung, dass die Balance zu stark zugunsten der ersteren pendeln wird.

Unsere Situation nach dem Ausbruch

María Paz und ich hatten eigentlich andere Pläne als den Großteil unserer Zeit zu Hause zu verbringen, und zwar wollten wir zurück nach Deutschland ziehen. Dazu hatten wir sogar schon gekündigt. Als es gerade drei Fälle in Chile gab, war schon María Paz‘ letzter Tag. Und danach ging es erst los mit dem Ausbruch des Virus. Ich hatte noch einen Monat länger zu arbeiten und nutzte die Gelegenheit um meine Kündigung zu kündigen, also vorerst ganz normal weiterzuarbeiten.

Wir durften zunächst fast drei Wochen von zuhause aus arbeiten. Da wir sehr strikte Sicherheitsmaßnahmen zu Datensicherheit erfüllen müssen, bedeutete das zunächst, dass wir nicht auf die Daten unserer Kunden zugreifen konnten. So hatten wir viel Zeit für unsere Initiativen und Projekte, die wir für Evalueserve entwickeln. Diese sind mehr programmierlastig, das kam mir entgegen und so genoss ich diese Zeit. Zumal wir auch Brötchen und Kuchen buken und allgemein mehr Zeit für Hobbies zuhause hatten.


Dann mussten wir jedoch von einem Tag auf den nächsten zurück ins Büro, ohne große Erklärung von Seiten der Firma, außer dass man Risiken und Nutzen abgewogen habe. Das dauerte eine Woche und ab heute haben wir endlich wieder die Möglichkeit von zuhause aus zu arbeiten. Ich habe mir aber erstmal eine Woche Urlaub genommen, den wir auf Balkonien, Speisekamerun, Kloronto oder Bagladusche verbringen werden.

Datenanalyse


Es gibt wahnsinnig viele Studien zu Coronavirus und verschiedene Organisationen, die versuchen, die Daten aus aller Welt zusammenzutragen und öffentlich verfügbar zu machen. Unter diesem Link ist eine Liste vieler Blogposts, Web Applikationen und Datensets zu finden. Mit einem dieser Datensets spielte ich rein interessehalber ein bisschen herum, um zu sehen wie sich die Anzahl an infizierten Personen in verschiedenen Ländern entwickelt. Da ich selbst aber keinerlei Kenntnisse über Epistemologie und den Virus, oder die Maßnahmen der einzelnen Länder habe, benutze ich die Plots nur im Eigeninteresse, um die Länder zu tracken, an denen ich interessiert bin.



Sonntag, 19. Januar 2020

Congreso Futuro in Santiago – Teil 4


Am finalen Tag des Congreso Futuro gab es nochmal richtig spannende Themen zu hören. Die ersten Präsentationen drehten sich rund um das Thema „Handeln“, und das mit Bezug auf den Klimawandel. Es ging um die Rolle der Böden im Klimawandel als zweitgrößtes Wasserreservoir nach den Ozeanen und wie diese bedroht sind. Weitere Vorträge beleuchteten den Klimawandel aus soziologischer Sicht  und die Rolle der Wissenschaften, die einen guten Job gemacht haben, den Klimawandel präsent zu machen, aber bisher kaum Einfluss auf Politik nehmen konnten. Abschließend sprach ein Paläoklimatologe über seine Forschung an den Eisschilden der Antarktis. Und das klang ziemlich apokalyptisch mit Bezug auf den Anstieg der Meereslevel.

Nach dem Klimawandel kam direkt ein weiteres meiner Lieblingsthemen: Bildung. Und da wir im Congreso Futuro waren, ging es um die Bildung der Zukunft. Ein Mathelehrer aus Spanien redete über die Schwierigkeit, Schüler für Mathematik zu begeistern aber auf der anderen Seite über die große Wichtigkeit des Themas. Er gab einige Beispiele, wie man es schaffen kann, Neugierde zu kreieren und war allgemein ein ziemlich lustiger Vortragender. In weiteren Vorträgen ging es allgemeiner um die Fähigkeiten, die die Schüler der Zukunft lernen müssten und wie auch die Bildung einen starken Anteil an der größer werdenden Ungleichheit in Chile hat. Ein Strukturwandel wurde gefordert, weg von dem Fokus auf isolierte Titel und mehr auf verschiedene interdisziplinäre Fähigkeiten und Kollaboration. Spannend war auch eine Studie die verschiedene Mentalitäten verglich und zeigte, dass Leute, die an ein konstantes Lernen bis ins hohe Alter glaubten, deutlich schwierigere Probleme lösen konnten. Und der Unterschied dieses „Glaubens“ war nur ein einstündiger Vortrag in dem der einen Gruppe erzählt wurde, dass jeder bis ins hohe Alter lernen könne und Grundintelligenz nur ein kleiner Faktor ist.

Vor der Pause wurde es philosophischer, es ging ums Sterben und welche Bedeutung es in der Gegenwart hat und in der Zukunft haben wird.

Am Nachmittag wurde das Augenmerk wieder mehr auf die politische Situation in Chile gelegt. Zunächst referierten vier Personen über die Wirtschaft Chiles und wie diese zum einen zu einem großen Wachstum in vielen messbaren Größen beigetragen hat, aber auch gleichzeitig zu der großen Ungleichheit beigetragen hat, die die Ursache der Proteste der letzten Monate war. Luigi Zingales, von der University of Chicago, redete über „chronischen Kapitalismus“ und übersetzte das landläufiger mit „Kapitalismus der Schwäger“, da die Politik und die führenden Größen in der Industrie alle irgendwie verwandt sind und somit die Quintessenz des Kapitalismus, nämlich der Wettbewerb, fehlen würde. Nicht umsonst gab es in den letzten Jahren in Chile zahlreiche Skandale rund um die Absprache von Preisen. Er schlug eine Handvoll von Lösungen vor, die allerdings auch schwer umsetzbar sind, weil die Politik diese treffen müsste, und sich damit gewissermaßen ins eigene Fleisch (oder ins Fleisch der Schwäger) schneiden würden.

Dann schwenkte der Fokus ein bisschen und es ging um die gute alte Demokratie. Ein Mathematiker zeigte in 15 Minuten sieben verschiedene Wahlsysteme auf und warum die meisten von ihnen nicht richtig funktionieren würden (vor allem auch die Systeme die momentan verwendet werden). Und dann wurde eine neuartige Methode vorgestellt, die zu einer besseren Entscheidungsfindung führen soll. James Fishkin von der Stanford University zeigte, wie sie in zahlreichen Ländern zufällig (aber proportional gesampelt) Leute ausgewählt haben, die von unabhängigen Experten beraten wurden und dann über mehrere Wochen über die Themen debattierten, bevor sie Entscheidungen trafen. Mehrere der momentan bestehenden Probleme der Demokratie würden dadurch teilweise gelöst. Zum einen, dass wenige Leute sich wirklich ausgiebig informieren, zum anderen, dass kaum jemand Leuten zuhört, die eine andere Meinung haben (und wenn, dann deren Argumenten kaum Beachtung schenkt) und schließlich die Parteibindung, dass viele Entscheidungen getroffen werden, weil man Teil einer Partei ist, aber nicht, weil man wirklich dieser Meinung ist. Sie werden auch im Rahmen der kommenden Wahlen um eine neue Verfassung in Chile ein Pilotprojekt hier starten.

Der letzte Block war wieder philosophischer Art und es ging um den Sinn des Lebens (der Name des Blocks war „Transzendieren“ aber ich weiß nicht genau was das heißt). Aber die Experten diskutierten mit sehr blumigen Worten und Beispielen über die Rolle eines Menschen im Kollektiv der Menschheit und wie sich diese geändert hat.  



Dann war der Congreso Futuro vorbei und María Paz und ich kehrten mit vollen Köpfen und Notizbüchern zurück nach Valparaíso. Es war spannend zu sehen, was wir aus den letzten Jahren gelernt haben und wie gut vorbereitet wir in die nahe Zukunft gehen werden. Es gibt eine Vielzahl von globalen Problemen, deren Lösungen eine viel bessere Zusammenarbeit voraussetzen. Sind wir dafür bereit?

Samstag, 18. Januar 2020

Congreso Futuro in Santiago – Teil 3

Der dritte Tag des Congreso Futuro begann mit dem Thema Ernährung. Marion Nestle hielt den ersten Vortrag über die Ernährungsindustrie und ihre Macht. Ihr Nachname mag zwar im ersten Moment einige Alarmglocken schrillen lassen, sie betonte aber direkt, dass sie nichts mit dem Lebensmittelriesen am Hut hätte. Sie hat sogar vor kurzem ein Buch geschrieben, in dem sie Studien zu Lebensmitteln analysiert hatte und einen enormen Einfluss der Lebensmittelindustrie besonders auf das Bild ungesunder (ultra-processed) Lebensmittel nachweisen konnte. In weiteren Vorträgen ging es um die Situation in Chile (wo erstaunlich gute Schritte im Kampf gegen Übergewicht eingeleitet wurden – z.B. dürfen keine Tiere oder Maskottchen auf ungesunden Lebensmitteln abgebildet werden, und Produkte mit hohem Zucker-, Sodium- oder Kaloriengehalt werden als solche gekennzeichnet. Im letzten Vortrag des Tages fragte Boyd Swinburn von der University of Auckland was die Probleme Unterernährung, Übergewicht und Klimawandel miteinander zu tun hätten. Die Antwort ist, dass es für alle drei Projekte Tonnen von Lösungen gibt, aber kaum welche dieser Lösungen in der Tat umgesetzt werden. Sein Team arbeitet daran, die Grundlagen zu setzen, dass – anstatt mehr Tonnen von neuen Lösungen zu suchen – die bestehenden Lösungen gelesen und umgesetzt werden.


Dann gab es eine beeindruckende Präsentation von Yascha Mounk, einem Deutschen, der als Professor in Washington Regierungen analysiert. In einfachen Worten und mit vielen Beispielen erklärte er das Konzept des Populismus, wo wir Populismus beobachten können und warum er so gefährlich ist. Weiterhin zeigte er, dass auch stabile Demokratien heutzutage schnell in die Gefahr laufen können, von Populisten überlistet zu werden und was die Ursachen für diese Entwicklung sind (wirtschaftliche Stagnation, kultureller Wandel und soziale Medien – in der Kurzform). Abschließend gab er als Außenstehender vorsichtig ein paar Tipps für die chilenische Bevölkerung, vor allem, dass man sich vor Politikern in Acht nehmen solle, die vermeintlich einfache Lösungen für die Krise vorschlagen.

Im nächsten Thema „Wertschätzen“  fiel häufig das Wort Kreislaufwirtschaft (circular economy) und regenerative Entwicklung. Eine Wasseringenieurin aus Israel zeigte, welche Maßnahmen ihr Land gegen Wasserknappheit getroffen hatte. Peter Ostojic stelle ein Projekt vor, welches in Chile alte Wasserkanäle recycelt und verbessert.

Die Nobelpreisgewinnerin Frances Arnold redete über DNA und ihre Versuche, DNA von Grund auf zu komponieren. Sie stellte innovative Lösungen vor, z.B. wie man gegen Schädlinge vorgehen könne, die immer mehr Resistenz gegen Pestizide entwickeln. Die Idee war, den Lockstoff den die männlichen Insekten produzieren, zu komponieren und über das ganze Feld zu verteilen, sodass die weiblichen Insekten komplett desorientiert viel weniger Chancen haben, sich zu reproduzieren.

Weitere Themen, die an diesem Tag behandelt wurden waren „Herausfordern“, wo es um Politik ging, „Bewohnen“, wo über die Städte der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesprochen wurde, „Bewusstmachen“, wo es um Daten und Neurowissenschaften ging, sowie „Beitragen“, wo mehrere Experten diskutierten, wie man die Wissenschaften und die Bevölkerung enger verbinden kann.

Dienstag, 14. Januar 2020

Congreso Futuro in Santiago – Teil 2


María Paz und ich befinden und diese Woche auf dem Congreso Futuro in Santiago, in dem es viele Vorträge rund um Themen, die unsere Zukunft betreffen, gibt. Im ersten Block ging es heute um Heilen, und die Themen waren Altwerden und Alzheimer, Big Data in Gentechnik, sowie die Wichtigkeit mit anderen Disziplinen zusammenzuarbeiten, am Beispiel des Ultraschalls. Besonders spannend fand ich den Vortrag von Thomas Bossert, einem Harvard Professor, der eine Dezentralisierung des Gesundheitssystems vorschlug  und in welchen Bereichen diese helfen könne. Er belegte seine Behauptungen mit zahlreichen Studien, die rund um die Welt gemacht wurden.

Anschließend sprach die Ex-Präsidentin von Irland, Mary Robinson in einer 40-minütigen Präsentation über die Bedrohung und Wichtigkeit des Klimawandels. Ohne Präsentation, aber mit viel Struktur und Wissen trug sie ihre Thesen vor, und wob auch kurze Kommentare zur politischen Situation in Chile mit in ihren Vortrag ein.


Im dritten Block ging es um Information und Desinformation, vor allem um Fake News. Zwei Sachen fand ich besonders interessant. Zum einen, dass unser Bild der Welt – falls wir viel Informationen aus Sozialen Netzwerken entnehmen – sehr wahrscheinlich verzerrt ist, da unsere Freunde oder Leute denen wir folgen, mit größerer Wahrscheinlichkeit Menschen sind, deren Meinung wir teilen. Und, dass Fake News zu einer starken Polarisation führen. Da es viele Leute oder Organisationen gibt, denen ein polarisierter Staat nützlich ist, ist es so schwierig Fake News aktiv zu bekämpfen.

Vor dem Mittagessen gab es eine Diskussionsrunde über das Thema Regieren. Hier fand der Vortrag statt, der mich heute am meisten zum Nachdenken anregte. Es ging um strukturellen Wandel innerhalb eines Landes und welche Mittel man hat, um einen strukturellen Wandel durchzusetzen (Gewalt, Wahlen oder Überzeugung). Er ging besonders auf den letzten Punkt im Detail ein und zeigte an einigen Beispielen in der fernen (Christentum im alten Rom), mittelfernen (Mahatma Ghandi in Indien) und nahen (Feminismus weltweit) Geschichte, wie das vonstattengehen kann. Sehr inspirierend!

Nach der Mittagspause ging es unter anderem um Künstliche Intelligenz. Der Lateinamerika-Chef von Huawei sprach über Trends und die Zukunft in der Industrie und in unseren Leben. Der CEO der chilenischen Firma NotCo sprach über die verrückte Idee, einen virtuellen Koch zu trainieren, der Lebensmittel herstellt, die komplett vegan sind. Bisher hat die Firma NotMayo, NotMilk und NotIceCream hergestellt. Die Firma ist in Chile recht bekannt (leider noch etwas teuer), aber die NotIceCream ist der Hammer (geschmacklich!) und NotMayo hat der traditionellen Mayo schon etwas den Rang abgelaufen. Es läuft also gut bei ihnen, und die Umwelt freut sich. In einem weiteren Vortrag ging es um Künstliche Intelligenz in der Welt der Spiele, also Maschinen, die Menschen in Spielen besiegen, die selbst Spiele kreieren oder dabei unterstützen und Maschinen, die durch Spiele Phobien und Traumata behandeln können. Zum Abschluss ging es noch um Verschlüsselung von Daten. Die Projektleiterin von Microsoft sprach über Kryptographie und wie diese schon in verschiedenen Apps angewendet werden kann, z.B. kann man seinen Ort verschlüsselt an das System schicken und bekommt das Wetter für diesen Ort, ohne dass die Besitzer der App mit diesen Daten arbeiten kann.

Im nächsten Block ging es um Astronomie, die Erforschung eines Planeten, der zu 95% aus Metall besteht und die Evolution unseres Universums.  Außerdem stellte Nobelpreisgewinnerin (Physik) Donna Strickland vor, wie sie einen hochleistungsfähigen Laser gebaut hat. Und zum Abschluss ging es um Biodiversität. Zuerst um Plankton und ein gigantisches Projekt zur Erforschung des selbigen, danach um Pilze und ihre Rolle für die Menschheit (ffungi.org). Und dann um Biodiversität im Allgemeinen und welche Projekte es in Chile gibt, um die Biodiversität zu erhalten.

Es war also wieder spannend und unsere Köpfe und Bücher sind wieder gut gefüllt. Bei einem Feierabendbier mit Pizza diskutierten María Paz und ich angeregt über alles, was wir heute gehört hatte und was das für uns bedeutet. Echt eine coole und inspirierende Woche.

Montag, 13. Januar 2020

Congreso Futuro in Santiago - Teil 1


María Paz und ich haben uns eine Woche Urlaub genommen, da wir in Santiago Karten für eine sehr spannende Konferenz bekommen haben – den Congreso Futuro 2020. Wir haben uns für die ganze Woche ein Zimmer in einem Hostel gebucht und warteten gespannt auf den ersten Tag. Und da dieser schon so voll mit coolen Gedanken und Ideen und Projekten aus verschiedenen Disziplinen war, wollte ich diese in einem kurzen Text zusammenfassen.


Die Konferenz begann mit einem Vortrag von Chimamanda Ngozi Adichie, der Autorin des Bestsellers „We should all be feminists“, in dem sie für Empathie gegenüber anderen Kulturen, anderen Ländern und anderen Personen plädierte. Wunderbar mit Geschichten aus ihrem eigenen Leben verwoben, legte sie uns ans Herz, zu hinterfragen was „normal“ für uns ist, und mehr Bücher und Geschichten von Menschen mit anderen Hintergründen und vielleicht auch anderen Meinungen als wir lesen.

Anschließend fand ein Block zum Thema „Teilnahme“ statt. Katherine Maher redete über Wikipedia und eine Krise des Vertrauens, die wir lösen müssen um die großen Themen unser Zeit angehen können. Ein weiterer Vortrag stellte eine Applikation vor, die es Menschen ermöglicht, einfacher zusammenzuarbeiten und auch an politischen Projekten mehr Anteil zu nehmen. Ein weiterer Vortrag einer Französin schlug ein komplett neues Wahlsystem vor, das sogar in Frankreich momentan zur Debatte steht. Hier war die Hauptidee, statt einer Stimme für einen Kandidaten, jedem Kandidaten eine Bewertung zwischen „sehr gut“ und „sehr schlecht“ zu geben. Dies würde die wahre Meinung des Volkes deutlich besser widerspiegeln und auch Probleme wie die Wahl aus vielen Kandidaten ohne Stichwahl oder die Wertlosigkeit von leeren Stimmzetteln lösen. Für mich war dies einer der interessantesten Vorträge, da er in einfacher Weise zeigt, was wir in vielen Bereichen tun müssen: Dinge hinterfragen, die wir „schon immer so gemacht haben“ und durch bessere Lösungen ersetzen. Zum Abschluss des Blocks gab es noch einen Vortrag von einem Mann, der seine Daten von Cambridge Analytica gefordert und bekommen hat und alles was damit zusammenhängt. Sehr spannend, und er empfahl den Netflix Film „The great hack“ - bei dem er auch eine Rolle hat.

Der nächste Block stand unter dem Thema „Interaktion“ und hier ging es hauptsächlich um Roboter. Von Hackathons zu neuen Sexspielzeugen, über Furhat, einem Roboter, der live vorgeführt wurde und schon sehr menschlich rüberkommt zu Nannybot, einem Vorschlag, die Aufzucht unserer Babies in die Hand von Künstlicher Intelligenz zu legen, um schlauere, nettere und glücklichere Menschen zu bekommen.


Da María Paz und ich dann tierischen Hunger hatten und die Zeitverzögerung vor und zwischen den Vorträgen die Mittagspause komplett gefressen hatte, verpassten wir einen Teil des Blocks über „Entschlüsseln“, was aber hauptsächlich Gesundheitsthemen waren und deshalb für uns nicht so spannend. Interessant war ein Vortrag, in dem über Trends in die Entwicklung von Open Source Hardware geredet wurde, also Kollaboration im Bereich von Benutzung und Weiterentwicklung von Messinstrumenten.

Es gab einen kurzen Vortrag über die Geräusche von Walen, Korallenriffen und Schiffen im Ozean und was wir daraus lernen können (eine Menge!). Nach vielen Jahren Forschung in diesem Gebiet, wird sich Melania Guerra, die Forscherin aus Costa Rica die das Thema vorstellte, nun in die Politik wechseln, um als Vertreterin der Meere stärker für deren Schutz zu plädieren.

Abschließend ging es in einer Diskussionsrunde um „Zusammenleben“, und da gab es aus Chiles Sicht natürlich viel zu diskutieren nach den Protesten der letzten Monate. Es waren vier unterschiedliche Blickwinkel auf das Thema und wie sich das Zusammenleben ändern kann und muss, um in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Insgesamt war es jedoch keine politische Diskussion (alle vier Sprecher waren sich einig, dass die Proteste gerechtfertigt waren), sondern eine Ebene tiefer, wo es um die menschlichen Interaktionen, Klassendenken (sehr ausgeprägt in Chile) und Rassismus ging. Während der Diskussionsrunde hatte ich viele Gedanken und Ideen.

Zum Glück habe ich für diese ganze Woche ein kleines Büchlein dabei, in das ich alle Gedanken aufschreibe und sie so später nochmal aufgreifen kann. Denn die Dichte an Ideen ist in den Vorträgen so hoch, dass sonst viele Gedanken einfach davonfliegen würden. Morgen geht es dann weiter, und ich denke ich werde im Laufe der Woche nochmal eine Zusammenfassung schreiben.